Zwischen Arroganz und Achtsamkeit

Das Beispiel eines – meiner Meinung nach – völlig deplatzierten und unbedachten Ausdrucks, den Politiker seit Anbeginn der Corona-Pandemie immer wieder strapazieren ist: LANGSAM. Die Menschen in dieser Pandemie können "langsam" nicht mehr. Oder "langsam" kommt das Gesundheitssystem an seine Grenzen. Oder den Soloselbstständigen geht "langsam" das Geld aus. Mal sind auch die Gastronomen gemeint, mal die Familien und ebenso einsame Rentner. Wen oder was es auch immer betrifft: Langsam wird’s also eng.

Langsam?!
Wie bitte schön kann etwas mehr als ein Jahr lang langsam an irgendwelche Grenzen stoßen? Gleichgültig wie träge dieses Langsam sein mag, muss diese Grenze doch schon längst erreicht worden sein?! Steckt man in den Schuhen eines Pflegers, eines Gastronomen oder eines Eventveranstalters, will man nicht länger hören, dass es irgendwann mal schlimm wird. Es IST schlimm! Die Grenze längst erreicht und bei vielen auch überschritten. Schon lange!

Die verbale Beipflichtung dieses Zustandes wäre schon ein wichtiger Schritt, damit sich die Betroffenen in der Krise ernst genommen fühlen. Nur zur Klarstellung: Ich möchte den Politikern die genannte Beipflichtung nicht grundsätzlich absprechen aber die Wortwahl des "Langsamen" ist hier einfach das Gegenteil von Achtsam. Der ganze Satz eine Floskel, die von mangelnder Empathie zeugt.

Im Rahmen der fraglos großen Komplexität dieser Krise scheint ein solches Detail egal zu sein. Das ist es aber nicht. Die meisten Menschen haben ein feines Gespür dafür, wenn Worte unsensibel gewählt werden. Es zeigt exemplarisch, wie sich viele Kommunikatoren der Empfindsamkeit von Teilen ihrer Zielgruppen nicht ausreichend bewusst sind.

Ein kommunikatives Worst-Case-Szenario?
Selten konnte man Defizite, Fehleinschätzungen und Probleme von politischer Kommunikation so öffentlich, so konsequent und so klar miterleben wie derzeit in der Corona-Pandemie.

Wie die handelnden Politiker seit über einem Jahr zumindest den Eindruck erwecken, nicht auf Augenhöhe mit ihren Bürgern zu kommunizieren und immer wieder (zu) wenig Einfühlungsvermögen erkennen lassen. Ob sie uns nun als Arbeitnehmer, Unternehmer, Familien, Singles, Studenten, Rentner, Arbeitslose, gefährdete oder weniger gefährdete Personen ansprechen.

Wenn die Inhalte dann auch noch mit Arroganz und in schlampiger Ausführung transportiert werden, ist es nur folgerichtig, dass sich im Verhältnis zwischen Staat und seinen Bürgern ein ernsthaftes Problem manifestiert.

Sorgfalt, Achtsamkeit, Augenhöhe und Empathie: Alles Aspekte für gute und wirkungsvolle Kommunikation. Als notwendige Klammer und Bedingung für einen erfolgreichen Dialog.

So oder so ähnlich kann ich das täglich lesen, höre es in meinem Bekanntenkreis und komme auch oft genug zur gleichen Meinung. Und das obwohl ich mich persönlich dagegen wehre, Schuldige für diese Misere zu suchen. Einfach deswegen, weil die ganze Corona-Problematik an Vielschichtigkeit kaum zu übertreffen ist und ich daher bei meiner Meinungsbildung eher differenziert und vorsichtig bin.

Und das auch bleiben möchte.

P.S.:
Aus dieser verunglückten Corona-Kommunikation lässt sich aus Unternehmenssicht eine Menge lernen. Genau darum geht es im folgenden Beitrag.